Erkenntnisgewinn garantiert - Georg Kronenberg - Journalist
Frankfurter Rundschau

Das Mitmachmuseum Mathematikum wird zehn

Von Georg Kronenberg

Die große Kugelbahn hat es Hannah Werner angetan. Fasziniert verfolgt die 12-Jährige, wie die 30 Kugeln ihre Runden in dem mehrere Meter hohen Metallgerüst ziehen, einander anstoßen, langsamer werden, rasant Fahrt aufnehmen und Loopings drehen.

Die Bewegungen der Kugeln sind pure Physik und Mathematik: Die Kugelbahn ist eine der Hauptattraktionen im Gießener Mathematikum, in dem Hannah mit neun Freundinnen am Samstag ausgelassen ihren Geburtstag feiert. Aus Frankfurt sind Hannahs Eltern mit der kleinen Kinderschar in das Mitmachmuseum gereist: „Hannah hat sich gewünscht, dass wir hier feiern“, berichtet Mutter Monika. Der Grund: „Die Knobelspiele“, sagt Hannah, „die machen mir viel Spaß“.

Knobelspiele, der Satz des Pythagoras oder die Kreiszahl Pi taugen zur Begeisterung Tausender Menschen? In dem vor genau zehn Jahren, am 19. November 2002, vom damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau eröffneten Mathematik-Museum in Gießen ist das so. Mit aktuell 1,441 Millionen Besuchern aus weit über 50 Ländern schreibt das bis heute weltweit einzige mathematische Mitmachmuseum Erfolgsgeschichte. Rund 162 000 Besucher waren es im bislang besten Jahr 2008. Den Tagesrekord hält der verregnete Tag der deutschen Einheit 2006 mit 1897 verkauften Eintrittskarten.

Das Erfolgsrezept: Hier muss keiner Angst haben vor der Mathematik

Mit diesen Besucherzahlen ist das von dem Gießener Mathematikprofessor Albrecht Beutelspacher konzipierte Mathematikum ein Publikumsmagnet in der ganzen Region – und mit weitem Abstand die Touristenattraktion Nr. 1 in der mittelhessischen Universitätsstadt Gießen.

„Es macht unglaublich viel Spaß, mit den Besuchern über die Knobeleien und Experimente zu diskutieren“, sagt etwa Abiturientin Johanna Zimmermann, die in dem Museum als Betreuerin jobbt und sich um Hannahs Geburtstagsgesellschaft kümmert. „Dass ich hier arbeiten kann, ist total cool“, findet Johanna.

Das Erfolgsrezept des Museums: Hier müsse niemand Angst vor der in der Schule so oft verhassten Mathematik haben, im Gegenteil, hier mache Mathe Spaß, erklärt Mathematikums-Direktor Albrecht Beutelspacher: „Hier müssen keine Gleichungen gelöst oder mit Rechenschiebern hantiert werden. Wer will, kann einfach spielen – Mathematik sinnlich erleben.“

Seifenblasen, Kugelbahnen, Zahlenspiele und Puzzles laden in dem Mitmachmuseum nahe des Gießener Bahnhofs Erwachsene wie Kinder, Mathe-Liebhaber und Mathe-Hasser dazu ein, sich mit einer der ältesten Wissenschaften auseinander zu setzen. „Hands on“ heißt die Devise für die gut 150 Exponate im ehemaligen Hauptzollamt. Nahezu alles, was gezeigt wird, ist zum Anfassen und Ausprobieren da.

Die Besucher können an Mathe-Knobeltischen experimentieren oder in die begehbare Riesen-Seifenblase schlüpfen, ohne dass sofort belehrend die dazugehörigen Formeln erklärt werden. „Selber machen und selber denken“, ist Beutelspachers Credo: „Denken ist bei uns keine Last, sondern Befreiung dank gewonnener Erkenntnisse.“

Wer beispielsweise die transportable Brücke von Leonardo da Vinci nachbaut, hantiert plötzlich mit Winkeln. Wer den Textverschlüsselungen des römischen Feldherren Julius Cäsar im Mathematikum nachspürt, landet unversehens in der Welt der Kryptografie.

Das Museum ist das Aushängeschild der Universitätsstadt Gießen, die sich als innovativen Wis- senschaftsstandort vermarktet. Auch das alljährliche Wissenschaftsfestival „Straße der Experimente“ in der Stadt, das regelmäßig rund 10 000 Besucher anzieht, ist vom Mathematikum initiiert und wird von dem Mitmachmuseum zusammen mit der für den Tourismus zuständigen Gießen Marketing GmbH organisiert. „Das Mathematikum ist ein absoluter Glücksfall für Gießen“, unterstreicht Sadullah Güleç, Geschäftsführer der Gießen Marketing GmbH.

Das Mitmachmuseum widmet sich aber längst nicht nur der Welt der Zahlen: In der Ausstellungs- reihe „Kunst im Mathematikum“ wurden Bilder von Pop-Art-Künst- ler James Rizzi genauso gezeigt wie vom „Tigerenten“-Erfinder Janosch, Fotos von Christo oder Karikaturen von Robert Gernhardt. Und für die Schau „Mathe macht lustig!“ im Jubiläumsjahr 2012 hat die Crème de la Crème der deutschen Karikaturisten-Szene von F.W. Bernstein über Steffen Butz bis zu „Nel“ in 101 Zeichnungen die Mathematik als vermeintlich sprödeste aller Wissenschaften auf die Schippe genommen.

Weltrekorde haben im Mathematikum ebenfalls eine Heimat: So zog Zahlenakrobat Gert Mittring hier in der Rekord-Zeit von 11,80 Sekunden die 13. Wurzel aus einer 100-stelligen Zahl – im Kopf und ohne Hilfsmittel. Mittring ist längst nicht der einzige Rechenkünstler, der regelmäßig im Mathematikum Station macht. Erst vor einigen Wochen wurde zum wiederholten Mal die Welt- meisterschaft im Kopfrechnen in dem Museum ausgetragen.

Dabei will das Mitmachmuseum seinen Besuchern mit Spaß Erkenntnisse vermitteln, die gelegentlich auch weit über Mathematik hinausgehen. Was macht man etwa, wenn man ausgerechnet hat, dass die Kassiererin an der Supermarktkasse zu viel Wechselgeld herausgegeben hat? Das Geld zurückgeben oder behalten? Solchen Gewissensfragen geht eine interaktive Ausstellung zur Philosophie ab Freitag im Mathematikum auf den Grund.


HINTERGRUND
Grundlage für das am 19. November 2002 vom damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau eröffnete Mathematikum ist die 1994 von Professor Albrecht Beutelspacher mit Mathematik-Studenten der Gießener Universität initiierte und ständig weiterentwickelte Wanderausstellung „Mathematik zum Anfassen“.

Diese Ausstellung ist immer noch auf Tour. Sie hat bis heute über zwei Millionen Besucher in Europa, Amerika und Asien angezogen.

Das Mathematikum wird von einem gemeinnützigen Verein getragen, finanziert sich eigenständig und schreibt seit seiner Eröffnung schwarze Zahlen.

(Frankfurter Rundschau 19.11.2012)
Powered by SmugMug Log In