Der Obama aus Gießen - Georg Kronenberg - Journalist
Frankfurter Rundschau

Joybrato Mukherjee ist der jüngste Hochschul-Präsident Deutschlands

Von Georg Kronenberg

Bei der Buchausleihe in der Uni-Bibliothek wird Joybrato Mukherjee zuweilen immer noch für einen Studenten gehalten. „Wegen meiner Dienstkleidung mit Anzug und Krawatte lässt das aber langsam nach“, sagt der gerade mal 35-jährige Professor für englische Sprachwissenschaft, der seit 2008 auch Vizepräsident der Gießener Universität ist.

Demnächst ist es mit der Verwechslungsgefahr vorbei: Am Mittwoch wählte der erweiterte Senat Mukherjee zum neuen Präsidenten der Gießener Justus-Liebig-Universität. Bereits im ersten Wahlgang setzte er sich mit 20 von 34 Stimmen gegen seine bei- den Mitbewerber durch. Wenn er im Dezember sein Amt antritt, wird er der jüngste Chef einer öffentlichen deutschen Uni sein.

Einen Spitznamen hat der künftige Präsident der mittelhessischen Hochschule mit rund 23000 Studierenden und 3200 Beschäftigten schon. „Unser Obama“ wird Mukherjee verwaltungsintern gern genannt. Das Lob, das er für „überhöht“ hält, hat sich der Sohn einer indischen Einwandererfamilie weniger durch seine Hautfarbe als durch seine offene und unkomplizierte Art verdient. Und durch die Fachkompetenz, mit der der eloquente Anglist den seit Ende März erkrankten amtierenden Hochschulpräsidenten Stefan Hormuth vertritt. Mukherjee hat sich vor der Präsidentenwahl keine Schnitzer geleistet und Führungskraft gezeigt. Im Kampf um den Chefposten hat er das mit Abstand detailreichste Konzept für die Hochschulentwicklung bis 2020 vorgestellt. Schließlich hat die 74.000-Einwohner-Stadt Gießen aus seiner Sicht ein enormes Profilierungspotenzial: „Wir sind die Stadt mit der höchsten Studentendichte in Deutschland. Hier gibt es eine Universität, eine Fachhochschule und das weltweit einmalige Mathematikum. Objektiv lässt es sich hier sehr gut studieren. Das müssen wir in Zusammenarbeit mit der Stadt noch mehr bewerben.“ 

Wie sehr er Gießen schätzt, hat der ausgebildete Gymnasiallehrer, der über seine Begeisterung für englische Literatur zum Anglistik-Studium kam und bereits mit 29 Jahren habilitierte, mehrfach gezeigt: Er lehnte mehrere Rufe anderer Universitäten ab.Sicher, er habe sich intensiv mit den Angeboten auseinandergesetzt, sagt Mukherjee. „Aber für die Uni Gießen hat immer gesprochen, dass hier vieles möglich ist, was an anderen Hochschulen nicht geht.“ Beispielsweise einen so jungen Wissenschaftler wie ihn zum Uni-Präsidenten zu wählen.

NEUER PRÄSIDENT
Die Amtszeit von Joybrato Mukherjee als Präsident der Gießener Universität dauert sechs Jahre und beginnt am 16. Dezember. Mukherjee löst den 59-jährigen Sozialpsychologie-Professor Stefan Hormuth ab.
Hormuth war seit 1997 Uni-Präsident und ist nach zwei Amtsperioden nicht zur Wiederwahl angetreten. In Zeiten großer Reformen und Veränderungen im Hochschulwesen erschien ihm eine 18- jährige Amtszeit nicht angemessen.

(Frankfurter Rundschau, 10.07.2009)
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