In seiner Scheinwelt kreuzt er Kuh und Katze - Georg Kronenberg - Journalist
Frankfurter Rundschau

Ein Pionier der digitalen Bildbearbeitung: Hans D. Baumann verfremdet auf höchst kunstvolle Weise Fotografien

Von Georg Kronenberg

Rüddingshausen · 11. Oktober · Zum Zeitvertreib lässt Hans D. Baumann schon mal Ufos über seinem mittelhessischen Wohnort schweben, Mona Lisa eine Zigarette rauchen oder kreuzt kurzerhand eine Katze mit einer Kuh. Natürlich entsteht die "Kuhze" mit Katzenkopf auf Kuhkörper - wie auch Baumanns andere kunstvoll verfremdeten Fotografien - nur im Computer. Der promovierte Kunstwissenschaftler und Journalist gilt als ein Pionier der digitalen Bildbearbeitung und hat zahlreiche Bücher zum Thema veröffentlicht.

Seinen Spitznamen "Doc" hat der Büchersammler mit einer etwa 18 000 Titeln umfassenden Bibliothek allerdings von ganz anderer Seite bekommen: aus der Rockerszene. Baumann gibt Deutschlands einziges Motorradrocker-Magazin "Biker News" heraus und war lange Zeit dort auch Chefredakteur.

Wie man als Kunstwissenschaftler ohne Motorradführerschein dazu kommt, jahrelang Reportagen vom weltgrößten Motorradfahrertreffen in Florida zu schreiben, hat der umtriebige 54-jährige fix erklärt: "Bei einer Untersuchung über die Ikonografie von Motorradtankbemalungen habe ich schnell gemerkt, dass man sich mit den Menschen beschäftigen muss, wenn man die Tankbemalungen analysieren will." Baumann bekam Einblick in die Rockerszene und das Gefühl, "dass hier auch politisch etwas zu tun ist". Denn Bürgerrechte und deren Einschränkung sei immer ein zentrales Thema von ihm gewesen, "und Rocker werden oft allein auf Grund ihres Aussehens diskriminiert".

Das andere wichtige Thema seit seinem Praktikum als Bühnenmaler am Staatstheater Kassel kurz nach dem Abi ist für den in Nordhessen Aufgewachsenen die Beschäftigung mit den "visuellen Scheinwelten". Dass man diese Scheinwelten per Mausklick am Computer "viel leichter als mit traditionellen malerischen Mitteln" erzeugen kann, habe ihn bereits nach dem Kauf seines ersten Computers vor zwanzig Jahren fasziniert, erzählt er.

Seit rund zwei Jahren verlegt Baumann denn auch seine eigene Fachzeitschrift zur digitale Bildbearbeitung, Titel: Docma. Und weil ihm die digitale Manipulation von Bildern "diesseits aller ethischer Wertung einfach viel Spaß macht", hat er in seinem Magazin gerade erst einen Wettbewerb um das beste gefälsche UFO-Foto veranstaltet. Dass allein durch die neuen Möglichkeiten der digitalen Fotobearbeitung in den Medien ein Verlust an Realität zu beklagen sei, glaubt Baumann aber nicht. 

Schließlich habe auch schon Hans Holbein als Hofmaler des sechsmal verheirateten englischen Königs Heinrich VIII. die adeligen Damen teilweise so stark in seinen Porträts idealisiert, "dass Heinrich gelegentlich recht sauer war, als die Prinzessinnen im Palast auftauchten und er aus politischen Gründen sein Heiratsversprechen nicht zurücknehmen konnte".

Es hänge eben immer davon ab, wie die am Computer erschaffenen Scheinwelten eingesetzt würden, sagt der Kunstwissenschaftler. Wer falsche Bilder produziere, um sich beispielsweise Geld oder Macht zu sichern, der nutze das "unangebrachte Vertrauen", dass ein Foto tatsächlich die Realität widerspiegele, schamlos aus.

(Frankfurter Rundschau, 25.10.04)
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