Dosen-Mann - Georg Kronenberg - Journalist
Frankfurter Rundschau

Von Georg Kronenberg

Wetzlar · 15. Mai · Vom Dosenpfand hält Helmut Wirth überhaupt nichts. "Das ist das blödeste was es gibt", findet der Rentner. "Deutschland steht damit auf der ganzen Erde allein." 

Helmut Wirth ist passionierter Sammler. Der 69-Jährige sammelt Briefmarken, Ansichtskarten, Münzen, Holzfiguren - und eben auch Bierdosen aus aller Welt. Und die Dosen haben es ihm am meisten angetan. 1815 beherbergt er nach aktueller Zählung, sorgsam in selbstgebastelten Regalen gestapelt in seiner kleinen Zweizimmerwohnung im Wetzlarer Stadtteil Hermannstein. Briefmarken hat er zwar viel mehr - gut 95 000 - und auch die Zahl der Ansichtskarten ist mit etwa 9000 nicht wenig beeindruckend. Aber bei den Dosen hat er es seines Wissens inzwischen zur drittgrößten Sammlung in Deutschland gebracht. 

Auf die "Schnapsidee" sei er vor etwa 17 Jahren gekommen, erzählt der ehemalige Verlagskaufmann. "Bei einer Fahrt zur Nordsee habe ich das schöne Wappen einer Dose aus Hamburg gesehen." Die Dose nahm er mit nach Hause, etliche weitere von etlichen Reisen folgten. Sein Prunkstück ist ein japanisches Bierbehältnis der Marke Sapporo, das gerade Mal 135 Milliliter fasst. Die "vermutlich kleinste Dose der Welt" hat Wirth bei einem China-Aufenthalt ergattert. Andere Dosen stammen aus Chile, Argentinien oder auch Australien. Alle vor Ort selbst gesammelt, erzählt der Rentner so ganz nebenbei. 

"Die letzten zwanzig Jahre meines Berufslebens habe ich durchschnittlich nur zwei Tage in der Woche gearbeitet und bin den Rest herumgereist", berichtet Wirth, während er ein Messing-Mitbringsel von seinem Trip zur chinesischem Mauer und einen Wandbehang aus Sri-Lanka zeigt. Als Alleinstehender habe er eben die Welt kennen lernen wollen - und dafür den Gehaltsverzicht und finanzielle Einschränkungen in Kauf genommen. "Da braucht keiner Staunen, wo ich das Geld für die Reisen her hab", sagt Wirth, der immer nur mit dem nötigsten Gepäck "eine Hose und ein Hemd zum Wechseln und Proviant" unterwegs ist. Sicher, die Flüge in die entfernten Länder kosteten Geld, aber beispielsweise in Indien habe er "für sieben Mark übernachtet". 

Dabei gefallen dem Weltenbummler, der schätzt, "etwas mehr als die Hälfte aller Länder" gesehen zu haben, die Alpen immer noch besser als die Anden. "Das sind so eintönige, langgezogene Bergkämme."

Seine letzte Fernreise zur Dominikanischen Republik ist zwei Jahre her. In jüngster Zeit war er in Frankreich und Großbritannien, wo es für einen Dosensammler inzwischen viel mehr als in Deutschland zu holen gebe. "Die meisten Dosen gibt es in Nordamerika und Europa." 25 volle Bierdosen stehen noch in seiner Küche, und warten darauf in die Sammlung eingereiht zu werden. "Die muss ich erst noch nach und nach austrinken." 

(Frankfurter Rundschau, 15.5.04)
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