Ein Anarchist und Gentleman - Georg Kronenberg - Journalist
Frankfurter Rundschau

Der polnische Kameramann Slawomir Idziak ist am Freitag mit dem Marburger Kamerapreis ausgezeichnet worden.

Von Georg Kronenberg

Marburg · 7. März · Sein "erster Schritt nach der letzten Klappe" in Hollywood ist immer noch der zum Flieger Richtung Warschau. Auch wenn Slawomir Idziak in den letzten Jahren in der Traumfabrik ein gefragter Mann ist - und 2002 für seine Bildsprache in Ridley Scotts Kriegsfilm "Black Hawk Down" 2002 eine Oscar-Nominierung einheimste. Vom "Weihnachtsbaumprinzip" a la Hollywood - schmuckvollen Bildern ohne Bedeutung für die Filmhandlung - halte er nichts, sagt der Marburger Kamerapreisträger 2004. 

Endgültig bekannt wurde der 59-Jährige, der seit 1970 Filme dreht, in Westeuropa durch seine Zusammenarbeit mit Kryzysztof Kieslowski ("Das Doppelte Leben der Veronika", "Drei Farben: Blau"). Idziaks experimentelle Bildgestaltung mit über 600 handkolorierten Filtern sorgte nicht zuletzt dafür, dass Kieslowski mit "Ein kurzer Film über das Töten" 1988 der internationale Durchbruch gelang. Auch wenn ein deutsches Kopierwerk wegen der ungewöhnlichen Farbgestaltung Überstunden machte - und den gelbgrünen Farbstich kurzerhand rausfilterte, erzählt Regisseur Detlef Buck, der "Männerpension" und "Liebesluder" mit Idziak gedreht hat, bei der Preisverleihung in Marburg. "In diesem Moment hätte ich Slawek gerne gesehen."

1997 kam für Idziak der Ruf aus Hollywood zur Kameraarbeit beim Science-Fiction-Thriller Gattaca. Und der Sohn einer Fotografenfamilie, der das Kino im kommunistischen Polen als "Fenster zu einer anderen Welt" erlebte, wurde in Amerika ausgerechnet auf actionlastige Filme festgelegt. Obwohl ihm Poesie "viel wichtiger" ist. Aber der Kamerapreisträger sieht die gut bezahlten Drehs in der eigentlich verhassten Traumfabrik - wie vergangenes Jahr das Historienepos "King Arthur" - pragmatisch: sie eröffneten Freiräume für eigene Stoffe oder Seminare mit Filmstudenten. Buck: "Er benimmt sich wie ein Gentleman, aber in der Tiefe seines Herzens ist er Anarchist"

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Der Marburger Kamerapreis soll, die Arbeit der Kameraleute "ins rechte Licht zu rücken", weil der Erfolg von Filmen oft viel zu einseitig an Regisseuren und Schauspielern festgemacht werde. Der Preis wird seit 2001 von der Stadt Marburg, den Medienwissenschaftlern der Philipps-Uni, unterstützt vom Bundesverband Kamera und dem Marburger Kino ausgelobt. Die bisherigen Preisträger sind Raoul Coutard, Frank Griebe und Robby Müller. Die Verleihung ist in die Marburger Kameragespräche eingebettet. Bei den 1997 aus der Taufe gehobenen den zweitägigen Diskussionsveranstaltungen treffen sich Medienwissenschaftler, Kritiker, Filmschaffende und Cineasten gleichermaßen.

(Frankfurter Rundschau, 8.3.04)
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