Einkaufen mit Justus - Georg Kronenberg - Journalist
Frankfurter Rundschau

Gießener Geschäftsmann initiiert regionale Währung / Tauschmittel soll Wirtschaft in Schwung bringen

Justus statt Euro: Mit einer eigenen regionalen Währung wollen rund 50 Gießener Geschäftsleute die lokale Wirtschaft ankurbeln. Auch im nordhessischen Witzenhausen soll im Oktober die Kirschblüte als Zahlungsmittel neben dem Euro Einzug halten.

Von Georg Kronenberg

Gießen · 11. August · Im kleinen Hifi-Studio in der Gießener Innenstadt steht Inhaber Winrich Prenk zwischen den Regalen mit Popmusik-CDs und zitiert eine alte Volksweise. "Taler, Taler, du musst wandern. Von dem einen zu dem andern. Das ist herrlich. Das ist schön." Das Lied ist Prenks Credo. Denn, die von ihm initiierte Regionalwährung Justus soll - wie bei ähnlichen Projekten im bayerischen Prien oder in Bremen - nicht im Sparstrumpf versauern, sondern als reines Tauschmittel für Waren und Dienstleistungen schnell wieder ausgegeben werden. "Damit wollen wir die lokale Angebotsvielfalt, die Wirtschaftskraft, das kommunale Steueraufkommen und natürlich auch Arbeitsplätze vor Ort sichern", sagt Prenk.

Rund fünfzig Einzelhändler und Dienstleister in der mittelhessischen 74 000-Einwohner-Stadt sowie mehreren Umlandgemeinden akzeptieren die Alternativwährung bereits. Das Spektrum reicht vom Architekten, Bäcker, Frisör über eine Druckerei bis zum Fitnessstudio und der Zahnarztpraxis. Und auch im Szenelokal "Havanna Club" auf Gießens Kneipenmeile können die Gäste Bier und Cocktails am Tresen statt in Euro mit Justus bezahlen.

Noch ist der Bekanntheitsgrad der im März in einer Testphase unter den Gewerbetreibenden verteilten bunten Gutscheine mit einem Wechselkurs von einem Justus zu 1,50 Euro zwar gering. Nach den Sommerferien will das Justusbündnis aber mit Infoveranstaltungen durchstarten und die Bürger von den Vorteilen der Regionalwährung überzeugen.

Das herkömmliche Geld diene drei Zwecken - "von denen zwei zu viel sind", kritisiert Prenk: Tausch-, Wertaufbewahrungs- und Spekulationsmittel. Deshalb seien weltweit nur maximal zwei bis vier Prozent des Geldes für die Bezahlung von Waren oder Dienstleistungen im Umlauf. "Die anderen 96 bis 98 Prozent sind entweder in Omas Sparstrumpf oder in Papas Aktienfonds." Die Folgen nach Ansicht Prenks: "Die Kassen sind leer, der Wirtschaftskreislauf kommt ins Stocken, viele Arbeitsplätze sind in Gefahr."

Um zu verhindern, dass Justus und Konsorten angespart und damit dem Wirtschaftskreislauf entzogen werden, verlieren die Tauschmittel in der Regel mit zunehmender Umlaufzeit leicht an Wert. Der Justus ist beispielsweise nur ein Jahr gültig. Beim Umtausch der abgelaufenen Gutscheine in neue werden fünf Prozent des Werts abgezogen.

Derartige Modelle liegen im Trend, berichtet Cornelia Zahrt von der Arbeitsgemeinschaft für Regionalwährungen. Seit anderthalb Jahren würden in Deutschland Initiativen für lokale Zahlungsmittel gegründet, weiß die Bad Nauheimer Regionalplanerin zu berichten. So soll auch im nordhessischen Witzenhausen von Oktober an die Kirschblüte den Euro als Zahlungsmittel ergänzen. Einen ersten Testlauf gab es bereits Anfang Mai. Der Kirschblüte-Regional-Verein in der 18 000-Einwohner-Stadt im Werra-Meißner-Kreis war zu Jahresbeginn von Bürgern aus der Lokalen-Agenda-21-Bewegung gegründet worden. "Ich bin überzeugt, dass ein Austausch von Waren und Dienstleistungen auf kurzen Wegen auch unserer Umwelt dient", sagt Unterstützerin Gundula Hesse, die einen Hauslieferservice für Bioprodukte betreibt.

Und so werden Justus und Co. einen nachhaltigen Nutzen für Gewerbetreibende wie Kunden mit sich bringen, wie Prenk hofft. Dafür stehe schließlich auch der Name des Gießener Tauschmittels. Der ist nämlich nicht, wie man vermuten könnte, vom Chemiker Justus Liebig - Gießens bekanntestem Wissenschaftler - entlehnt. "Justus kommt aus dem Lateinischen und bedeutet ,der Gerechte'", erläutert Prenk.

--
Chiemgauer und Sterntaler - das andere Geld Regionalwährungen gibt es in Deutschland seit September 2001, als der Bremer Roland eingeführt wurde. Nach Angaben von Cornelia Zahrt von der bundesweiten Arbeitsgemeinschaft für Regionalwährungen gibt es inzwischen aber auch andernorts lokale Zahlungsmittel - so etwa Chiemgauer und Sterntaler in Bayern und Sulzbachtaler in Baden-Württemberg. In Kiel können Verbraucher seit diesem Frühjahr bei mehr als 80 Händlern und Dienstleistern mit dem "Kann was" bezahlen.
Weitere Initiativen für Regionalgeld gibt es nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft an bundesweit 40 bis 50 Orten. Selbst die Sparkasse in Delitzsch-Eilenburg bei Leipzig erwäge die Einführung eines alternativen Geldkreislaufs.

Infos über Regionalwährungen gibt es im Internet (www.regionetzwerk.org). Ansprechpartnerin in Hessen ist Cornelia Zahrt (Telefon 0 60 32 / 86 74 52). Weitere Infos über den Gießener Justus unter www.justusbuendnis.de. kro 
--
(Frankfurter Rundschau 12.08.04)
Powered by SmugMug Log In