Etikettenschwindel - Georg Kronenberg - Journalist
Marburger & Gießener Magazin Express

Tischsitten haben mit gutem Benehmen herzlich wenig zu tun, sagt Moritz Freiherr Knigge. Im Express-Interview erzählt der 37-jährige Unternehmensberater, warum sein Urahn Adolf nie ein „Benimmpapst" war und wie verhängnisvoll die Arroganz von Wirtschaftsbossen ist.

Express: Herr Knigge, es gibt heute unzählige Benimm-Ratgeber und -Seminare. Bringt das was, wenn ich meine Kinder etwa auf ein Seminar über richtiges Essen am Tisch schicke, damit sie endlich lernen, ordentlich Spaghetti zu essen?

Moritz Freiherr Knigge: Es ist eigentlich schade, wenn Eltern ihre Kinder zu Benimm-Kursen schicken. Vielleicht sollten die Eltern das ihren Kindern lieber selbst beibringen. So etwas zeigt für mich die mangelnde Verantwortung bei der Erziehung, die es heute gibt.
Die Flut von Benimm-Ratgebern ist eine Reaktion darauf, dass die Menschen merken,  dass im Umgang miteinander irgend was schief läuft. Starre Regeln, das Lernen von Konventionen und Etikette, helfen da aber nicht weiter. Deshalb geht's bei mir nicht um Etikette sondern ums Benehmen - um rauszufinden was mit den Menschen nicht stimmt.

Express: Wie ihrem Urahn Adolph Freiherr Knigge,  der zwar als Benimmpapst bekannt ist, aber sich eigentlich nie mit Benimmregeln oder Tischsitten beschäftigt hat? 

Moritz Freiherr Knigge: Meinem Vorfahren ging es um den Umgang der Menschen miteinander - wie man gut zusammenleben kann. Nach seinem Tod sind daraus leider irgendwann stinknormale Etiketteregeln geworden. 

Express: Sie plädieren für Höflichkeit und Anstand im Umgang mit anderen Menschen. Das sind Allgemeinplätze, denen jeder zustimmen wird. Wie mache ich das denn konkret, wenn ich etwa am Fahrkartenschalter in der Schlange stehe und genervt bin, es nicht vorwärts geht weil der Vordermann unsinnige Fragen stellt und mein Zug gleich fährt? 

Moritz Freiherr Knigge: Da muss man halt den inneren Schweinehund überwinden, nett fragen, „Entschuldigen Sie bitte, ich hab's wirklich wahnsinnig eilig". Rumzumotzen bringt gar nichts. Dan können sie nämlich davon ausgehen das sich jemand querstellt.
Meine Erfahrung ist: wenn ich als angenehme Person angesehen werde, mich respektvoll, anständig, ehrlich verhalte wird mir das zurückgegeben. 
Es gibt so eins schöne Aussage, „bevor ich ein Magengeschwür kriege muss ich meinen Frust rauslassen". Tolle Haltung. Das ist genau die egoistische Einstellung die so viele Menschen heute haben. Was heißt denn das? Wenn ich meinen Ärger  rauslasse, dann verpasse ich dem anderen Menschen ein Magengeschwür oder was? Was ist den das für eine Reaktion? Außerdem können sie davon ausgehen, dass sie es im Endeffekt nur noch schlimmer machen und ihr Magengeschwür nur noch größer wird. 

Express: Aber man kann sich ja umgekehrt auch nicht jede Unverschämtheit oder Beleidigung gefallen lassen.

Moritz Freiherr Knigge: Sicher, Es wird immer ein paar Idioten auf der Welt geben. Da fordere ich dann auf, ein bisschen gelassener zu sein. Ich werde auch oft gefragt, ob ich nicht total frustriert bin, weil Höflichkeit heutzutage oft ein Fremdwort ist. Da kann ich nur sagen ‚nein - ich habe für mich den richtigen Weg gefunden, und hoffe noch ein paar andere dafür gewinnen zu können'. 
Viele Menschen haben die leider die Werte verloren, weil ihnen heute seit Jahrzehnten eingeredet wird, sie seien völlig frei in allem was sie tun. Ich habe das mal als „Autismus des Individualismus" bezeichnet. Das bedeutet, dass viele Menschen keine Zeichen von anderen mehr deuten können, weil sie alles auf sich selbst beziehen.

Express: Wo fängt Höflichkeit für sie an?

Moritz Freiherr Knigge: Geduld ist eine der absoluten Säulen der Höflichkeit. Jemand der höflich ist, muss immer vermitteln, dass er viel Zeit hat. Das fängt damit an, dass ich anderen die Tür aufhalte. Das kostet nur drei Sekunden und ist eine nette Geste.
Dankbarkeit ist wichtig. Zum Beispiel wenn man wo eingeladen war, hinterher vielleicht ein kleines Kärtchen schreiben, in dem man sich bedankt. 

Express: Hätten sie sich mit dem Thema auch beschäftigt und ihr Buch „Spielregeln" geschrieben, wenn sie Müller oder Meier hießen? Oder gibt es so etwas wie das Knigge-Gen?

Moritz Freiherr Knigge: Ich bin mit dem Wissen aufgewachsen, dass es ein Werk meines Vorfahren gibt, in dem viel Gutes über den Umgang mit Menschen steht. Sein 1788 erschienenes Buch „Über den Umgang mit Menschen" aber in der Öffentlichkeit eine ganz andere Bedeutung bekommen hat. Deshalb habe ich irgendwann angefangen, mich damit zu beschäftigen.
Und natürlich ist der angemessene Umgang mit Menschen auch wesentlicher Inhalt meiner Workshops als Unternehmensberater. Etwa zu der Frage, wie man Werte, die in vielen Leitbildern von Firmen postuliert werden, in praktische Handlungen übersetzen kann. Da greifen wir stark auf die antike Philosophie und Knigge zurück. Die Grundidee unseres  „Symbiosemanagements" ist es, den zwischenmenschlichen Umgang vernünftig zu managen, damit beide Seiten einen gemeinsamen Nutzen daraus ziehen können.

Express: Die Heuschrecken-Debatte ist noch nicht lange her. Heute achtet die Öffentlichkeit sehr stark darauf, wie sich große Firmen verhalten und was zum Beispiel der Deutsche-Bank-Chef Ackermann sagt. Gibt es einen Verlust an Ethik in der Wirtschaft?

Moritz Freiherr Knigge: Den gibt's ganz bestimmt. Weil die Leute maßlos geworden sind. Es ist ein bisschen diese Arroganz, gerade in der Wirtschaft. Nach dem Motto: „Schaut her, ich bin der große Herr Ackermann und kann mir alles erlauben." Dieser Eindruck wird einem jedenfalls bei manchen Äußerungen von Managern vermittelt. 
Natürlich wird in den Medien auch nur über die Negativbeispiele berichtet weil sie spektakulärer sind, obwohl selbstverständlich auch in der Wirtschaft die Mehrheit der Manager vernünftig sind und korrekt handeln. Und dann kommt so ein Gefühl auf, Wirtschaft sei etwas Böses, Manager wollten sich nur auf unsere Kosten bereichern. An diesem Punkt sind wir jetzt. Wie sollen Leute, die das glauben, in Unternehmen vernünftig arbeiten? Dass das natürlich schief geht, und nur Dienst nach Vorschrift gemacht wird, weil die Motivation gleich null ist, ist kein Wunder. Ich würde mich freuen, wenn irgendein Vorstand eines an der Börse notierten Top-Unternehmens mal aufsteht und sagt: „Herr Ackermann jetzt schämen sie sich mal. Was sie da tun ist maßlos arrogant und sie schaden uns allen damit." Aber es steht ja keiner auf.

Moritz Freiherr Knigge hält am Montag, 5.12. im Speisesaal der Firma Schunk in Heuchelheim einen Vortrag zu seinem Buch „Spielregeln". Beginn ist 19 Uhr. Infos unter www.wieselevents.com

Marburger & Gießener Magazin Express Ausgabe 48/05
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