Dem Charme des Jungprofessors erliegen die Studenten schnell - Georg Kronenberg - Journalist

Frankfurter Rundschau


Gießen feiert im nächsten Jahr den 200. Geburtstag Justus Liebigs / Erfinder von Dünger, Backpulver, Fleischextrakt und des anfangs wenig erfolgreichen Silberspiegels

Von Georg Kronenberg

GIESSEN. Ein genialer Chemiker macht eine glänzende Erfindung, die niemand anschauen will: Der heute gebräuchliche Spiegel war anfangs ein absoluter Ladenhüter, und nach zwei Jahren machte einst die erste Spiegelfabrik pleite. Der Grund: Der von Justus Liebig 1835  entwickelte Silberspiegel bildet die Farben realitätsgetreu ab. Angesagt unter den Damen im 19. Jahrhundert war aber vornehme Blässe. Und die gaukelte der damals übliche, farbverzerrende, mit Quecksilber beschichtete Spiegel vor. Der war dafür lebensgefährlich bei der Herstellung. Die Arbeiter in den Fabriken starben oft bereits im Alter von 30 Jahren an Quecksilbervergiftung. Der Mode wegen setzte sich Liebigs ungefährliche Produktionsmethode erst im beginnenden 20. Jahrhundert, lange nach seinem Tod 1873 durch.

Dagegen sorgte das Schaffen des 1803 in einem kleinen Darmstädter Hinterhaus geborenen Drogistensohns schnell dafür, dass die mittelhessische Unistadt Gießen zum "Mekka der Chemie" wurde, sagt Hans von Zerssen, Kurator des international renommierten Gießener Liebigmuseums, in dem das Originallabor des Chemikers erhalten ist. 

Der von seinen Kollegen zunächst gering geschätzte 21-jährige Jungprofessor ohne Abitur zog die Handvoll Chemiestudenten an der damaligen Ludwigs-Universität bereits im ersten Gießener Jahr, 1824, in seinen Bann. So sehr, dass sein vor leeren Bänken stehender Chef Wilhelm Ludwig Zimmermann die unieigenen Chemikalien schließlich zu Hause bunkerte - damit der ungeliebte, charismatische Konkurrent sie nicht bei Seminaren verwenden konnte. Nach Zimmermanns Tod 1825 auf dessen Professur gekommen, bewies der visionäre und streitbare Liebig, der später als Pionier der Populärwissenschaft allgemeinverständliche Texte über Chemie in der "Augsburger Allgemeinen" veröffentlichte, sein Geschick in der Wissenschaftspolitik. In harten Verhandlungen mit Universitätskanzler und direkten Gesprächen mit dem Landesherren sorgte Liebig für den Aufstieg der "Provinzuni" zu internationalem Rang, berichtet Zerssen. Ganz Gießen soll ihm einmal mit einer Festbeleuchtung gedankt haben - nachdem er sich für die Lahnstadt und gegen den Ruf einer anderen Hochschule entschieden hatte.

Und zum 200. Geburtstag Liebigs am 12. Mai 2003 soll sich die ganze Stadt sogar in eine "Bühne" und "Experimentallabor" gleichermaßen verwandeln - mit Ausstellungen, Symposien und Kunstaktionen. Bei dem Wissenschaftsfestival von Stadt und Uni steht das "Prinzip Liebig" im Mittelpunkt, sagt Theaterwissenschaftler Oliver Behnecke. "Das soll kein Denkmalfestival werden, es geht um die sinnliche Vermittlung von Wissenschaft und Forschung", erklärt Behnecke, gemeinsam mit Kerstin Evert für das künstlerische Konzept zuständig. Eine ganze Woche rund um Liebigs Geburtstag sind an öffentlichen Plätzen, in Gießener Schulen, Betrieben und Behörden Kunstaktionen und Theaterinszenierungen geplant. 

Die Uni würdigt den Wissenschaftler, der mit seinem "Gesetz des Minimums" zeigte, wie Böden fruchtbar gemacht werden und was Pflanzen wachsen lässt, mit drei Ausstellungen sowie Fachtagungen und einer Vortragsreihe zu seiner akademischen Karriere. "Was wir heute als naturwissenschaftliche Ausbildung ansehen, ist von Liebig eingeführt worden", sagt Manuel Heinrich, Koordinator des Gießener Liebig-Jahres. Bei dem zentralen Festakt an Liebigs Geburtstag spricht der Regensburger Wissenschaftshistoriker und Liebig-Forscher Professor Christoph Meinel. 

Für das Wissenschaftsfestival hoffen Stadt und die seit 1946 nach Liebig benannte Gießener Hochschule auf bundesweites Interesse. Anlässlich Liebigs 200. Geburtstags hat das Bundesforschungsministerium 2003 zum Jahr der Chemie ausgerufen, der Bund gibt eine Liebig-Sonderbriefmarke und eine Zehn-Euro-Münze mit dem Konterfei des Chemikers heraus. 

Knackpunkt für das mittelhessische Festprogramm sind bislang die Finanzen. Die Uni-Veranstaltungen sind dank Unterstützung durch das Hessische Wissenschaftsministerium (250000 Euro) abgesichert. Das von der Stadt organisierte Kunstprogramm, Kostenpunkt Minimum 250000 Euro, soll hauptsächlich durch Spenden aus der Wirtschaft bezahlt werden. Damit sieht's bislang aber mager aus. "Bei den Unternehmen gibt es zurzeit eine große Sponsoring-Zurückhaltung. Wir wissen deshalb noch nicht, in welcher Größenordnung die Stadtrauminszenierung stattfinden kann", berichtet Mitorganisatorin Kerstin Evert. 

Weitere Infos im Internet unter www.liebig-museum.de.

(Frankfurter Rundschau 10/2002)
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