Mit Leica wankt das Image der Region - Georg Kronenberg - Journalist
Frankfurter Rundschau

Finanzkrise beim Kamerahersteller aus Solms / Firmensprecher: "Zu wenig Speck, von dem wir zehren können"

Von Georg Kronenberg

Die traditionsreiche Leica Camera Gruppe in Solms im Lahn-Dill-Kreis ist finanziell schwer angeschlagen. Die in Handarbeit gefertigten Fotoapparate der mittelhessischen Kameraschmiede Leica sind Aushängeschild der Optikindustrie in der Region. 

Solms. 3. April. Im Betriebsratszimmer der Leica Camera AG in Solms zeigt eine Karikatur einen Frosch, der schon halb im Schnabel eines Storches verschwunden ist, aber immer noch eisern den langen Hals des Vogels umklammert. „Die Parole ist niemals aufgeben", sagt Betriebsratsvorsitzender Edgar Zimmermann ernst. Sicher, der traditionsreiche Kamerabauer befinde sich in großen Schwierigkeiten und die Mitarbeiter seien sehr angespannt. „Aber wir glauben an uns und hoffen, dass wir die Hauptaktionäre und die Banken überzeugen können", macht sich Zimmermann Mut. 

Nachdem die Leica Camera Gruppe im Februar für den Folgemonat einen Verlust in Höhe der Hälfte des Grundkapitals angekündigt hatte, haben die Banken ihre Kreditlinien gegenüber Leica teilweise gekündigt. Bis zur außerordentlichen Hauptversammlung der Aktionäre am 31. Mai will die schwer angeschlagene Kameraschmiede im Lahn-Dill-Kreis, in der vor 81 Jahren die erste Kleinbildkamera der Welt in Serie ging, in Zusammenarbeit mit den Banken einen Weg aus der Krise suchen.

Eine Ursache für die finanzielle Schieflage sind die stark rückläufigen Verkaufszahlen bei den klassischen analogen Fotoapparaten, die nicht durch das Umsatzplus bei den Digitalmodellen von Leica ausgeglichen werden konnte. Die anhaltende Kaufzurückhaltung der Verbraucher trifft besonders den Markt der bei Leica produzierten teueren Hochqualitätskameras. „In den 80er Jahren hat noch jeder anspruchsvolle Fotoamateur von einer Leica-Spiegelreflexkamera geträumt. Das hat sich inzwischen stark verändert. Heute wünschen sich die Leute ein volldigitale Kamera", berichtet der Wetzlarer Leica-Sammler und -Händler Lars Netopil. 

Dabei genießen die ausschließlich in Handarbeit gefertigten Fotoapparate der Leica Camera AG, die aus dem 1849 in Wetzlar gegründeten Optik-Unternehmen Leitz hervorgegangen ist, nach wie vor Kultstatus. Der Markenname Leica steht seit Jahrzehnten für Präzision und Zuverlässigkeit. Allein der mechanisch-optische Funktionscheck pro Objektiv dauert in der Kameraschmiede bis zu einer halben Stunde. „Manchmal inserieren sogar Optikfirmen aus den USA in der Lokalzeitung, weil sie bei Leica ausgebildete Feinoptiker suchen", sagt Leica-Experte Netopil. 

So haben die Leica-Kameras auch wesentlich dazu beigetragen, die Optikindustrie an Lahn und Dill weltweit bekannt zu machen. Die Branche hat zwar in der Region in den vergangen Jahrzehnten an Bedeutung verloren hat, Mittelhessen gilt aber immer noch als bedeutender Standort für Optik- und Feinmechanikfirmen. „Wir haben über 50 Unternehmen aus der Optik- und Branche mit 5500 Beschäftigten in der Region", sagt Andreas Tielmann, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammern Dillenburg und Wetzlar. Viele der Firmen seien im Umfeld der einstigen Wetzlarer Leitzwerke entstanden. 

Mit einem Dienstleistungs- und Technologiezentrum, das die universitäre Forschung und die Produktentwicklung in Unternehmen enger verbinden soll, will der Regionalmanagementverein MitteHessen und die IHK den Standort stärken. "Wir wollen in Wetzlar ein Photonics Center mit High-Tech-Laborgeräten aufbauen, die sich junge Unternehmer normal nicht leisten können", sagte MitteHessen-Geschäftschäftsführerin Beate Hammerla. Dass die finanzielle Krise bei einem der Aushängeschilder der Region existenzbedrohend für das Unternehmen ist, glaubt IHK-Hauptgeschäftsführer Tielmann derweil nicht.

Das Unternehmen, das bereits in den 90er Jahren in schweres Fahrwasser geraten war, habe in den vergangen fünf Jahren fast ausschließlich schwarze Zahlen geschrieben, unterstreicht auch Leica-Sprecher Gero Furchheim. Allerdings habe Leica wegen des geringen erwirtschafteten Gewinns in dieser Zeit kaum Rücklagen bilden können, was jetzt um so schmerzlicher sei. Furchheim: „Wir haben zu wenig Speck, von dem wir zehren können." Der weltweit tätige Kamerabauer mit Werken in Solms und Portugal beschäftigt insgesamt rund 1050 Mitarbeiter, davon 415 am Hauptsitz in Solms. In den vergangenen fünf Jahren wurde die Mitarbeiterzahl um 400 reduziert. Bei der außerordentlichen Hauptversammlung Ende Mai will die Unternehmensleitung eine „Turn-Around-Strategie" vorstellen. Einzelheiten dazu gibt das Unternehmen noch nicht bekannt.

-- Leica Camera AG
In den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2004/2005 fiel der Umsatz der Leica Camera Gruppe auf 70,6 Millionen Euro. Dies waren 15,5 Prozent weniger als in der gleichen Periode des Vorjahres. Die angestrebten Umsatzsteigerungen im Vergleich zu den beiden ersten Quartalen konnte die Firma nicht erreichen.

So ging das Geschäft mit den Leica-Systemkameras um 35 Prozent auf 21,9 Millionen Euro zurück. Die digitale Ergänzung des Leica-R-Spiegelreflexsystems um eine digitale Rückwand hatte sich zudem deutlich verzögert. Die Rückwand, von der sich Leica ein deutliches Umsatzplus erhofft, ist nach mehrmonatiger Verspätung erst Anfang April auf den Markt gekommen. Die Verkäufe der Leica-Kompaktkameras, darunter auch das digitale Modell Leica Digilux 2, wuchsen zwar um 40,2 Prozent auf 13,7 Millionen Euro. Ihr Umsatzvolumen konnte aber noch nicht die Rückgänge bei den klassischen analogen Kameras ausgleichen. 

Neben der Kameraproduktion wird die Herstellung von Ferngläsern, Laserentfernungsmessern oder Spezialteleskopen für Leica immer wichtiger. Die so genannte Sportoptik mache inzwischen 40 Prozent der Produktion aus. 
kro
--

(Frankfurter Rundschau, 5.4.05)
Powered by SmugMug Log In