"Das hier bleibt viel länger im Kopf“ - Georg Kronenberg - Journalist
Frankfurter Rundschau

Besuchermagnet: Wie das Mathematikum in Gießen arbeitet / Interview mit Gründer Albrecht Beutelspacher 

FR: So verhasst, wie es immer heißt, scheint Mathematik gar nicht zu sein. Sie zählen rund 127 000 Besucher innerhalb von einem Jahr - mehr als doppelt so viel, wie sie bei Eröffnung geschätzt hatten.

Albrecht Beutelspacher: Zentraler Punkt für den Andrang ist, dass die Leute hier keine Angst vor der Mathematik haben müssen. Hier müssen keine Gleichungen gelöst oder mit Rechenschiebern hantiert werden. Wer will, kann einfach spielen - Mathematik sinnlich erleben. Der zweite Punkt ist, dass wir die Besucher sehr ernst nehmen. Unser Anspruch ist nicht, den Gäste ein abfragbares Wissen mitzugeben. 
Die Besucher können sich am Mathe-Knobeltisch üben oder in die begehbare Riesen-Seifenblase schlüpfen, ohne dass wir sofort belehrend die dazugehörigen Formeln erklären. Das erzählen wir bei gesonderten Exponatvorstellungen, die übrigens auch gut besucht sind. Aber ein Besucher ist trotzdem ein guter Besucher, wenn ihn die Formeln nicht interessieren. Wir sagen nicht, "ihr seid blöd, wenn ihr nicht darüber nachdenkt". 

FR: Dann hat man zwar viel Spaß, lernt aber nichts, weil die Hintergründe der Experimente unklar bleiben.

Beutelspacher: Man kann unseren Ansatz als oberflächlich kritisieren. Ich glaube aber, jeder Besucher nimmt hier neue Erkenntnisse mit. Durch das Spielen mit den Exponaten bewegt sich unglaublich viel im Kopf. Die Leute lernen beispielsweise, wie die von Leonardo da Vinci konzipierte selbsttragende Brücke funktioniert. Was im Mathematikum erlebt wird, bleibt viel länger im Kopf, als der gesamte Mathematikunterricht in der Schule. Fragen sie beispielsweise irgendeinen 25-Jährigen. Der weiß vom Unterricht nichts mehr, weder Fakten noch Erkenntnisse. Viele Leute wollen sich nach einem Museumsbesuch regelrecht bei uns aussprechen und sagen, "wenn ich doch so einen anschaulichen Matheunterricht gehabt hätte."

FR: Was ist denn im Unterricht so schrecklich?

Beutelspacher: Zum Beispiel Kästchenaufgaben wie 4+3, 4+4 und so weiter. Die sind schrecklich. Das ist nur Akkordarbeit. Die guten Aufgaben lassen viele verschiedene Lösungsmöglichkeiten zu, wie sie auch meistens im Alltag existieren. Der Bezug zur Realität im Matheunterricht fehlt einfach. Es gibt zwar viele Versuche im Zuge der Pisa-Studie, das zu verbessern. Aber fragt man einen Schüler kurz vor dem Abitur, ob er denkt, dass der Unterricht zur Bewältigung von Alltagsthemen hilft, wird er immer noch "nein" sagen.
Außerdem sind Mädchen in Deutschland in den Naturwissenschaften unglaublich stark benachteiligt. Warum das so ist, kann ich nicht genau sagen. Aber Spätestens beim Abitur glaubt fast jedes Mädchen, "Mathe, Physik oder Chemie sind nichts für mich". 

FR: Also ist die Ausbildung für Mathe-Lehrer falsch.

Beutelspacher: Die Studierenden bauen oft keine innere Beziehung zum Unterrichtstoff auf. Das liegt wohl auch an der Unterrichtsform in der Hochschule. Wir sind ja an Uni so ziemlich die letzten, die Frontalunterricht machen. Neue Arbeitsformen, partizipatorischer Unterricht fände ich einen Gedanken wert. Und mit der Arbeit an konkreten Projekten kann man die Leute viel stärker motivieren.

FR: Hat Deutschland generell einen besonders hohen Nachholbedarf bei alltagsnaher und sinnlicher Vermittlung von Wissenschaft?

Beutelspacher: Ja. Die Entwicklung der sogenannten Science Center - wie das Mathematikum eines ist - hat Ende der 60er Jahre in den USA begonnen. Heute hat jede größere Stadt in Nordamerika ihr eigenes Center, in der Wissenschaft spielerisch vermittelt werden soll. Diese Welle ist auch längst nach Europa geschwappt. In England gibt es inzwischen relativ viele Science-Center. In Deutschland wurde zwar viel diskutiert, aber es gibt fast nichts. Zu den wenigen deutschen Centern gehören die Phänomenta in Flensburg, das Museum für Technik in Berlin und das Universum in Bremen.
Wir haben in Gießen gezeigt: ein Science Center funktioniert auch in einer mittelgroßen Stadt. Es geht auch monothematisch. Und es geht mit einem Budget von 3,5 Millionen Euro für Baukosten und Exponate, das im Vergleich absolut minimal ist. Ein in Köln angedachtes Science-Center soll 50 bis 100 Millionen Euro kosten. Das neue Wolfsburger Center hat ebenfalls fast 100 Millionen gekostet.
Ich habe unlängst gelesen, dass hessische Museen pro Besucher 77 Euro Zuschuss erhalten. Wir kriegen null Euro Zuschuss pro Besucher - und können den laufenden Museumsbetrieb vom ersten Tag an finanzieren. 

FR: Durch das weltweit erste Mathe-Mitmachmuseum und das angrenzende Liebig-Museum, in dem das Labor des berühmten Chemikers erhalten ist, sieht die Stadt Gießen die Chance, sich stärker als Wissenschaftsstandort zu positionieren. Um beispielsweise mehr Touristen anzulocken. Was fehlt, damit Gießen zum attraktiven Wissenschafts-Ausflugsziel wird?

Beutelspacher: Wir wollen jedes Jahr ein Wissenschaftswochende mit einer bunten Mischung zwischen populärwissenschaftlichen Darbietungen und Volksfest veranstalten. Das erste soll Anfang Juni 2004 zu den Themen Venus, Weltall, Unendlichkeit stattfinden. In Mathematikum sollen auch regelmäßig Kindervorlesungen durchgeführt werden. Der erste Veranstaltungsblock startet bereit am 8. November. Ab Januar ist außerdem ein Talk im Mathematikum geplant, bei dem zum Beispiel Wissenschaftler, aber auch Politiker erzählen, was sie an Mathematik fasziniert. Einer der ersten Gäste wird Professor Peter Gritzmann sein, der Vorsitzende der deutschen Mathematiker-Vereinigung. 
Rund um das Mathematikum könnten Stadt oder andere Organisatoren eine Vielzahl von Veranstaltungen oder Aktivitäten anbieten: Pauschalreisen zum Wissenschaftswochenende oder Kongresse, bei denen der Besuch des Mathematikums ein spezielles Bonbon ist.

Interview: Georg Kronenberg

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Albrecht Beutelspacher
Komplexe mathematische Zusammenhänge anschaulich zu erklären, sind sein Metier: Um der vermeintlichen Geheimwissenschaft Mathematik den Schrecken zu nehmen, spielt der 53-jährige Gießener Mathe-Professor Albrecht Beutelspacher schon mal im vollbesetzten Linienbus ein Theaterstück mit Handpuppen über die Unendlichkeit. Seine 1994 konzipierte Wanderausstellung "Mathematik zum Anfassen" zählt europaweit mehr als 500 000 Besucher. Vor einem Jahr hat Beutelspacher in Gießen das Mathematikum als weltweit erstes "Mathe-Mitmachmuseum" eröffnet. Mit bisher rund 127 000 Gästen hat sich das Museum zum Publikumsmagneten in der mittelhessischen Universitätsstadt entwickelt. 
kro

(Frankfurter Rundschau, 1.11.03)
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