Ärzte und Pfleger halfen willfährig bei der Mordaktion - Georg Kronenberg - Journalist
Frankfurter Rundschau

Verlegung nach Hadamar brachte 222 Patienten der Gießener Heil- und Pflegeanstalt den Tod / Neues Buch arbeitet Psychiatrie-Geschichte auf

Von Georg Kronenberg

Während der NS-Diktatur war Gießen ein Zentrum der "Erb- und Rassenpflege". Kranke wurden zu Studienobjekten rassistischer Forschung, Hunderte Opfer von Zwangssterilisationen - sowie "Euthanasie"-Morden in der Tötungsanstalt Hadamar. Die Aufarbeitung der NS-Zeit ist der Schwerpunkt des Buchs "Psychiatrie in Gießen", das im Dezember in der historischen Schriftenreihe des hessischen Landeswohlfahrtsverbandes erschienen ist.

Gießen 17. Dezember. Im Arztbericht der Gießener Heil- und Pflegeanstalt vom 18. November 1942 wird Paula S. als unauffällig, "affekt- und initiativelos, beim Arbeiten keine Ausdauer" beschrieben. Im September war die Frau Anfang Dreißig mit der Diagnose "Schizophrener Defektzustand" erst in die Gießener Nervenklink eingewiesen und anschließend in die Heil- und Pflegeanstalt verlegt worden. Nach Meinung der Ärzte besserte sich der Gesundheitszustand der Hausfrau nicht. Zwar hätte sie auf Wunsch des Ehemanns entlassen werden können. Der war aber 1939 zur Wehrmacht eingezogen worden und stand an der Ostfront. 

"Der Verbleib von Paula S. in der Anstaltspflege glich einem vorweggenommen Todesurteil", sagt Georg Lilienthal, Leiter der Gedenkstätte Hadamar und Mitautor des Bandes "Psychiatrie in Gießen". Kurz nach Weihnachten 1942 wird Paula S. nach Weilmünster und schließlich September 1944 in die "Euthanasie"-Tötungsanstalt nach Hadamar überführt. Dort wird sie Mitte Oktober 1944 ermordet. Ihr Mann erhält erst nach ihrem Tod eine Mitteilung über die Verlegung. Voller Sorge schreibt er von der Front einen Brief an die Ärzte. Er bitte sie "um genaue Auskunft über das jetzige Befinden...und ob mit einer Besserung zu rechnen ist". 

Paula S. ist eine von 222 psychisch Kranken, die während der NS-Diktatur von der Gießener Heil- und Pflegeanstalt nach Hadamar verlegt und im Rahmen der "T4"-Aktion umgebracht wurden. T4 war der Decknahme der Nazi-Mordaktion an Kranken und Behinderten. In sechs im Reichsgebiet dafür eingerichteten Tötungsanstalten, darunter Hadamar, wurden insgesamt mehr als 70 000 Menschen vergast.

"Wir haben bei unseren Forschungen nicht festgestellt, dass in Gießen direkt - etwa durch die gezielte Überdosierung von Medikamenten - gemordet wurde", sagt Mitherausgeberin Uta George, Pädagogin in der Hadamarer Gedenkstätte. Dafür sei in der Landesheilanstalt freilich "willfährig" kooperiert worden: Die Organisation der "Euthanasie"-Morde im Rahmen der Aktion "T4" geschah unter Mithilfe von Ärzten, Schwestern, Pflegern und Verwaltungsangestellten. Ärzte füllten die Meldebögen aus, nach denen die Opfer für die Mordaktion ausgewählt wurden. Schwestern und Pfleger bereiteten die Patienten zum Abtransport vor.

Während die Arbeit der Gießener Psychiatrie in der Weimarer Zeit noch von Reformversuchen geprägt war, hatten sich mit Beginn des NS-Regime die Bedingungen für die Patienten gravierend geändert. "Die Universitätsklinik hat sich intensiv an den Zwangssterilisationen von psychisch Kranken beteiligt", sagt George. Im Zuge des 1934 in Kraft getretenen "Gesetzes zur Verhütung Erbkranken Nachwuchses" wurden auch Patienten in der Gießener Heil- und Pflegeanstalt gegen ihre Willen unfruchtbar gemacht. Betroffen von den "rassehygienischen" Vorstellungen der Nazis waren zudem bis dato gesunde und sozial unauffällige Bürger. 

So kam auch Jakob S., nur weil er ein staatliches Darlehen für eine Heirat beantragt hatte, in die Mühlen des Gesetzes. Das Gießener Erbgesundheitsgericht hatte Zweifel, ob der unauffällige, aber als nicht sonderlich intelligent geltende Mann die Leistungen, die nur "Vollwertigen" zustehen sollten, erhalten durfte. Unter Androhung von Gewalt wurde er in die Heil- und Pflegeanstalt zur einwöchigen Beobachtung eingewiesen - und dort zwangssterilisiert.

Auch die Sterberate der Patienten in der 1911 gegründeten Heil- und Pflegeanstalt stieg ab 1938 deutlich an. Von 3,9 Prozent 1935 wuchs die Rate auf 13,5 Prozent 1940. Der Grund: Überbelegung, mangelnde medizinische Betreuung und Kürzung der Lebensmittelrationen. Für die als "lebensunwertes Leben" geltenden Patienten gab es nach Kriegsbeginn oft nur eine "Hungerkost".

1940 wurde die Heil- und Pflegeanstalt an der Licher Straße zudem zur Zwischenstation für jüdische Patienten, bevor sie nach Brandenburg in eine Tötungsanstalt deportiert und vergast wurden. 126 jüdische Patienten aus Herborn, Gießen, Marburg, Arolsen und fünf weiteren Städten der Provinzen Hessen-Nassau und Westfalen wurden in dem Sammellager fünf Tage vermutlich auf engstem Raum zusammengepfercht, als Schlafgelegenheiten sollen nur Strohhaufen gedient haben. Über das Sammellager gebe es nur wenige Aufzeichnungen, berichtet George.

Insgesamt vielen rund ein Drittel der Patienten in der Gießener Heilanstalt der "T4"-Mordaktion zum Opfer. Die dadurch leer gewordenen Räume vermietete die Anstaltsleitung 1940 an die Waffen-SS. Die richtete in vier Häusern der Anstalt eine neurologisch-psychiatrische Beobachtungsstation mit 150 Betten ein. Darin wurden bis Kriegsende rund 5000 Soldaten der Waffen-SS behandelt - um sie für den Kampfeinsatz wieder fit zu machen. 

(Frankfurter Rundschau, 18.12.03)
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