Nicht suchen, sondern finden - Georg Kronenberg - Journalist
Frankfurter Rundschau 

Sex und Partnerschaft: die Fachhochschule Gießen-Friedberg als „Schule des Lebens“ / Studenten sind angetan

Von Georg Kronenberg

Christian Zielke ist kein Freund von Untertreibungen. "Es gibt eine sehr einfache Methode, bei der garantiere ich ihnen: In einem Dreivierteljahr haben Sie Ihren Partner fürs Leben", kündigt Zielke am frühen Freitagabend im voll besetzten Hörsaal der Fachhochschule in Gießen an. Wichtig sei, "zu finden und nicht zu suchen", haben die rund 150 Maschinenbau-, Informatik- oder Betriebswirtschafts-Studierenden schon als heißen Tipp von dem Professor für Sozial- und Kulturwissenschaften an der FH Gießen-Friedberg bekommen. Und ein Studentenpaar hat ausführlich den Weg vom ersten Blickkontakt zur festen Beziehung beschrieben.

Neben der Tafel räkelt sich lasziv ein auf die Wand projiziertes Pärchen in rosa Bettwäsche, während Zielke über Blickkontakt, Körpersprache oder Selbstsicherheit referiert und Tricks aus dem Management- und Verkaufstraining vorstellt: "Nehmen Sie die gleiche Körperhaltung ein, Gemeinsamkeiten ziehen sich an." Zwar steht "Das Leben nach dem Flirt" am Freitag in der von Zielke konzipierten Veranstaltungsreihe "Schule des Lebens" auf dem Programm. Aber davor muss schließlich die Beziehungsanbahnung klappen. Zielkes versprochenes Patentrezept: "Konzentrieren Sie sich täglich 20 Minuten zu Hause auf Ihr Ziel."

Erwartungen an den Wunschpartner und "Vorzüge des eigenen Produkts" sollen die untereinander eifrig diskutierenden Zuhörer dabei in einer 30-Seiten-Kladde zu Papier bringen. Zielke: "Partnerfindung ist auch Marketing. Wenn Sie das machen, schaffen Sie es, für Sex nicht bezahlen zu müssen." Als Experten für Probleme im anschließenden Beziehungs-Alltag sitzen die Psychologin und FH-Konfliktberaterin Nathalie Krahé, Familientherapeutin Rosmarie Holtermann und Wolfgang Schreiner-Weiß von Pro Familia Gießen auf dem Podium. Intimere Fragen werden anonym auf Kärtchen gesammelt, offen diskutiert wird aber rege. Da outet sich ein Student mit kurzen, hoch geföhnten Haaren als eifersüchtiger "Tiger". Die Expertenrunde plädiert für mehr Kommunikation zwischen den Partnern bei sexuellen Ängsten oder Wunschvorstellungen: "Mein Partner muss ja erst mal wissen, was ich will."

Ein Zuhörer um die 50 Jahre berichtet vom Scheitern seiner ersten Ehe. Ein anderer erzählt: "Irgendwann war alles zu verfahren, um eine glückliche Trennung hinzukriegen." Bei einer Trennung "muss man sich bewusst machen, ich bleibe ja ein liebenswerter Mensch", sagt Psychologin Krahé. Freilich gebe es so viele verschiedene Wege, auseinander zu gehen, "wie es Menschen gibt".

Nach knapp zwei Stunden mit derlei Denkanstößen zu Liebe und Leben lässt Zielke das Seminar mit meditativer Musik im abgedunkelten Raum ausklingen: "Schließen Sie Ihre Augen, hören Sie einfach in die Musik hinein, und erinnern Sie sich an etwas Schönes." Der Tipp, einen Partner finden und nicht krampfhaft suchen zu wollen, "war gut", sagt anschließend eine Betriebswirtschaftsstudentin. Sie findet das Seminarangebot toll. Informatik-Student Boris Budweg sieht das ähnlich: "Es war vor allem gut, dass so offen über Liebe und Sexualität geredet wurde." Auch Seminarleiter Zielke ist mit dem Anklang mehr als zufrieden. "Nur fünf Prozent von dem, was auf dem normalen Lehrplan steht, wird später im Beruf gebraucht", sagt der 40-Jährige. "Die hier angebotene Hilfe für eine gelungene Lebensgestaltung wird aber später zu 100 Prozent gebraucht", ist der auch als Unternehmensberater und Managertrainer tätige Wissenschaftler überzeugt. Seine "Schule des Lebens" mit Seminaren zum Umgang mit Geld, Selbstvertrauen, Gestaltung der Karriere sieht er als "Pilotprojekt für alle Hochschulen in Deutschland".

Pro-Familia-Berater Schreiner-Weiß ist derweil "ein bisschen neidisch auf die heutige Studentengeneration". "Weil bei uns so ein Seminar noch nicht angeboten wurde."

(Frankfurter Rundschau, 3.11.03)
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