Stiften gehen - Georg Kronenberg - Journalist
Frankfurter Rundschau

In Deutschland entstehen immer mehr Bürgerstiftungen / Keine Lückenfüller für leere Kassen

Von Georg Kronenberg

In Breuberg im südhessischen Odenwald kostet der Dienst am Gemeinwohl einen Euro pro Tag, ein Jahr lang. 365 Euro ist der Mindestbetrag, um als Zustifter bei Hessens erster Bürgerstiftung in der idyllisch gelegenen 8000-Einwohner-Stadt mitzumachen. Die Idee zu der Stiftung hatten vor rund zweieinhalb Jahren ein örtlicher Betriebswirt, eine Tiermedizinerin, ein Energieberater und ein Förster. „Wir hörten von Bürgerstiftungen in den USA und Kanada und wollten solch eine vereinsübergreifende Initiative für unsere Region auf die Beine stellen“, berichtet Mitinitiator Horst Stapp. Das Ziel: Kultur-, Umwelt- oder soziale Projekte in der Stadt langfristig voranzutreiben und das Miteinander aller Breuberger zu stärken. Denn „die öffentlichen Kassen haben für innovative kleine Dinge einfach kein Geld mehr“, weshalb die Breuberger nun aktiv geworden sind.

Identität für die Bürgergesellschaft

Zwei Jahre nach der Gründung beteiligen sich 65 Bürger an der Stiftung. Das Stiftungskapital ist inzwischen auf 75.000 Euro angewachsen. Das erste konkrete Projekt ist ein „Senioren-Expertennetzwerk“, bei dem beispielsweise Schreiner oder Landwirte ihr Handwerk in Kindergärten und Schulen vorstellen. Außerdem will die Bürgerstiftung ein von der Stadt zur Verfügung gestelltes Gelände als Ausstellungsfläche für ein Kunst- und Naturforum umgestalten.

„Das ist natürlich erst ein Anfang“, sagt Stapp. „Wir brauchen einen langen Atem, vielleicht 20, 30 Jahre, bis wir große Projekte umsetzen können.“ Um das Stiftungsvermögen zu vergrößern, müssen weitete Zustifter gewonnen werden und dafür ist Klinkenputzen nötig: Stapp und seine Mitstreiter werben genauso in Breuberger Sport- und Musikvereinen, bei Firmen wie bei der örtlichen Ärzteschaft.

Genau darin sieht Stefan Nährlich, Geschäftsführer des Berliner Vereins „Aktive Bürgerschaft“, die große Chance des in Deutschland noch junges Stiftungsmodells. „Normalerweise bleiben alle in ihrem Metier“, sagt Nährlich, der die Gründer von Bürgerstiftungen berät. „In Deutschland gibt es traditionell kein übergreifendes Verständnis von bürgerschaftlichem Engagement. Sportvereine, Kultur initiativen, karitative Organisationen oder Umweltverbände wissen wenig voneinander und haben dementsprechend auch kaum gemeinsame Anliegen.“ Die Bürgerstiftung als Bündnis der unterschiedlichsten lokalen Akteure sei deshalb besonders geeignet, die in Deutschland fehlende „Identität einer Bürgergesellschaft“ aufzubauen, und als „Lobby für die Bürger“ einzutreten, sagt Nährlich.

In angelsächsischen Ländern haben Bürgerstiftungen eine lange Tradition. Die erste der so genannten Community Foundations ist 1914 in Cleveland in den Vereinigten Staaten gegründet worden. Im Jahr 2001 gab es in den USA bereits 658 Bürgerstiftungen mit einem Vermögen von 31 Milliarden US-Dollar. In Europa waren im selben Jahr 225 Bürgerstiftungen registriert.

Deutschland ist dagegen ein Nachzügler. Erst relativ spät, Mitte der 90er Jahre, fiel die Idee, dass sich Bürgerinnen und Bürger unter dem Dach einer Stiftung zusammenschließen, auf fruchtbaren Boden. Vorreiter waren Bürgerstiftungen in Gütersloh und Hannover. Dort hat die Bürgerstiftung seit 1997 mehr als 50 Projekte mit 150.000 Euro unterstützt. Und viermal im Jahr verleiht die Stiftung in Kooperation mit der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ) für engagiertes Verhalten den Kinder- und Jugendpreis „Gegen den Strom". 

Seit Mitte der 90er boomen solche Gründungen. Rund 50 Bürgerstiftungen gibt es in der Bundesrepublik inzwischen, etwa ebenso viele sind im Entstehen. Nach einer repräsentativen Untersuchung, die vom Zentralinstitut für kirchliche Stiftungen in Auftrag gegeben worden ist, können sich 27 Prozent der Deutschen vorstellen, gemeinsam mit anderen eine Stiftung zu gründen. Unterstützt wird der Gründungsboom auch durch das Mitte 2000 in Kraft getretene „Gesetz zur weiteren steuerlichen Förderung von Stiftungen". Besonders neu gegründete kleinere Stiftungen mit einem Grundvermögen von bis zu einer Million Euro werden dadurch steuerlich stark begünstigt, Dass sich inzwischen auch Politiker aller Couleur hier zu Lande für das Stiftungsmodell stark machen, hat einen einfachen Hintergrund, sagt Experte Nährlich: „Das Thema wäre nie auf die Tagesordnung gekommen, wenn die öffentlichen Kassen nicht leer wären."

Wenn im Stadtsäckel kein Geld mehr ist, um etwa das Freibad oder soziale Einrichtungen zu finanzieren, mag es für so manchen Rathauschef verlockend sein, für stärkeres ehrenamtliches Engagement der Bürger zu werben - um kurzerhand die Verantwortung und vor allem die Kosten von bisher staatlich finanzierten Einrichtungen direkt an eine Bürgerstiftung abgeben zu können.

Unabhängigkeit von der Politik

Als Lückenfüller könnten die Stiftungen aber freilich nicht dienen, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Nährlich. Denn die öffentliche Hand finanziere fast zwei Drittel aller gemeinnützigen Aktivitäten in Deutschland. Das finanzielle Engagement der Bürger durch Spenden, Mitgliedsbeiträge und Stiftungskapital trage laut einer internationalen Studie ungefähr drei Prozent zu den Gesamtausgaben bei. „Ein Zehntel davon macht den finanziellen Anteil der Stiftungen in Deutschland aus."

Schließlich seien die aus privater Initiative und mit privatem Geld gegründeten Bürgerstiftungen langfristig unabhängig von politischen Einflüssen und konnten deshalb den Regierenden durchaus auch teuer werden: Ein Beispiel sei die Stadtstiftung Gütersloh. „Die haben ein innovatives Jugendzentrum gegründet und nach ein paar Jahren zur Stadt gesagt - ,das Projekt ist erfolgreich gestartet, jetzt führt es bitte weiter'. Da hat sich der Magistrat wohl kaum gefreut."

(Frankfurter Rundschau, 26.11.03)
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